Gucklöcher

 

Der Kindergarten am Blütenanger ist ein zweistöckiger Holzbau in einer Wohnsiedlung am Stadtrand. Hinter dem Hauptgebäude, im Spielplatzbereich zu dem nur die Kinder und Erzieherinnen Zugang haben, steht der Geräteschuppen, ein großer Holzwürfel, der zwei übereinander liegende Lagerräume und einen Treppenaufgang enthält. Dieser Holzklotz ist durchlöchert. Unterschiedlich große, runde Fenster mit zum Teil farbigen Scheiben, angeordnet wie schwebende Seifenblasen, verleihen dem ursprünglich fensterlos geplanten Schuppen eine gewisse spielerische Leichtigkeit. Das eigentliche Potential der Perforierung aber ist aus der Distanz nicht erkennbar. Es erschließt sich erst nach und nach im alltäglichen Umgang. Der Geräteschuppen im Sandkasten ist ein überdimensioniertes Spielzeug.

 

Fenster sind dazu da, dass Licht hereinkommt und dass man hinausschauen kann. Mit diesen beiden Funktionen spielen die Gucklöcher. Durch die höher gelegenen Löcher fällt das Tageslicht ein und wirft farbige Kreise in Schuppen und Treppenhaus. An zwei Tagen im Jahr fädeln die Strahlen der tiefstehenden Sonne drei Fensterringe hintereinander auf und durchmessen diagonal das Gebäude. Vor allem aber sind die Löcher so angebracht, dass Kinder in Entdeckerlaune was zu gucken haben. Die Anordnung der Gucklöcher entwirft einen Spielplan, der immer wieder anders und neu genutzt werden kann. Von draußen kann man in die geheimen Nischen unter der Treppe spitzen und in den verschlossenen Geräteschuppen, wo unbekannte Schätze verborgen sind. Oder man kann vom Treppenhaus aus nach draußen schauen und die anderen Kinder im Sandkasten beobachten.

Die sich konisch nach innen verjüngenden Kunststofflaibungen der Gucklöcher saugen den Blick an. Manchmal liegen zwei oder drei Löcher auf einer Fluchtlinie. Da kann man, wie durch ein Fernrohr, durch das ganze Haus hindurch schauen und sehen, was auf der anderen Seite vor sich geht. Natürlich zeigen die Gucklöcher nichts was man nicht auch anders sehen könnte. Sie zeigen nur die normale, alltägliche Wirklichkeit. Sie bieten aber ein Instrument, das für die kindliche Neugierde eine Vielzahl spielerischer Erfahrungen bereithält. Beim Blick durch das Instrument wird das Sehen selbst zum Erlebnis. Man wird sich bewusst, dass man sieht. Das ist, nicht nur für Kinder, eine Entdeckung.